Installation view, detail: Theaterspektakel Zürich

Installation view, detail: Theaterspektakel Zürich

Fünf Performer beim Entwickeln eines Theaterstücks, eine endlose Probe zur Lage der Welt.

Text excerpt:

- Wiederholen wir die Probe?
- Fangen wir an.
- Der letzte Durchlauf war nicht so wie wir’s haben wollen!
- Gehen wir den Text nochmals durch?
- Diesmal probieren wir das Stück spielerischer, musikalischer, leichter.
- Bin ziemlich müde. Müdigkeit lässt sich in Energie verwandeln – Ich hab vier Tage ohne zu Schlafen durchgearbeitet.
- Aber die Texte –
- Wenn du die Müdigkeit überwindest, dringst du zu einer wachsamen Klarheit vor.
- Aber die Texte, sind die Texte gut?
- Und was ist mit den Fakten?
- Die Zahlen lassen wir stehen. Das übrige besprechen wir von Fall zu Fall.
- Die Fakten – die Fakten müssten wir wie Noten eines Musikstücks behandeln.
- Los jetzt. Fangen wir an.

- Unten das Leck – oben die Angst. Die Metallfässer, in denen das eingelagerte schwach- und mittelradioaktive Material verpackt wurde, stellen keine sichere Barriere dar. Die Metallfässer korrodieren im Lauf der langen Lagerzeit im Salz. Der Salzberg, der als Endlager für die Ewigkeit halten sollte, ist schon nach 40 Jahren undicht. Es wurde bekannt, dass in 750 Metern Tiefe rund 70 Kubikmeter radioaktiv belastete Lauge ausgetreten ist. Die zulässigen Grenzwerte werden bis zum Zwölffachen überschritten. 15 Jahre wurden die Erkenntnisse der Gutachter vertuscht. Die Betreiber haben die dubiose radioaktive Lauge vor Kammer 12 nicht nur weitgehend geheim gehalten, sondern auch über Jahre abgepumpt.

- Hätten die Ägypter vor 4500 Jahren in den Pyramiden Atommüll gelagert, wäre heute noch über 90 % der ursprünglichen Strahlenbelastung vorhanden.

- Die Zukunft? Was denkst du? Träume ich? Wohin geh ich? Wohin bist du unterwegs? Bin ich unterwegs? Mit wem isst du heute zu Abend? Mit wem ess’ ich heut zu Abend? Was tust du morgen? Und was mach ich morgen? Woran arbeite ich nächste Woche? Woran arbeitest du nächste Woche? Hast du Ferien geplant? Habe ich Ferien geplant? Wohin fährst du? Wohin werde ich fahren? Wann? Wo wirst du Sylvester verbringen? Wo verbringe ich Sylvester? Kannst du dir nächstes Jahr vorstellen? Kann ich mir nächstes Jahr vorstellen? Wo werde ich in fünf Jahren sein? Was willst du erreichen? Was will ich erreichen? Was will ich für andere tun? Was willst du für andere tun? Welches sind die Auswirkungen meiner Handlungen aufs Klima? Welches sind die Auswirkungen deines Handelns aufs Klima? Wie viele Arten sterben pro Tag aus? Wie könnte es in 50 Jahren da aussehen, wo wir jetzt leben? Was werden die Menschen in hundert Jahren über uns lesen? Wird der Atommüll in tausend Jahren beherrschbar sein? Wie viele Menschen werden in zehntausend Jahren auf der Erde leben? Wie werden sie zusammenleben? Womit werden sie sich beschäftigen? – Was beschäftigt dich? Was mich beschäftigt? Worüber denkst du nach? Worüber denk ich nach? Will ich was erzählen? Willst du was erzählen?

(Die fünf Perfomer ahmen das Schreien der Gorillas und Geräusche des Dschungels nach.)

- Kennt ihr diese Geschichte aus China. Ein Kaiser will eine grosse Flotte bauen zur Entdeckung der Welt. Und was macht er? Was macht er? Er braucht Holz für seine Schiffe. Rodet er ein Waldstück? Nein, er pflanzt Bäume, Bäume!

(Pause)

- Ist es jetzt besser?
- Ich denke, wir müssten das alles fröhlicher bringen, mit mehr Witz.
- Ich weiss nicht,
- Das Stück ist keine Komödie.
- Aber es ist zu wirr, zu tragisch.
- Ist nicht sowieso alles wirr und tragisch?
- Das Stück ist realistisch –
- Kannst du dir eine veränderte Welt vorstellen?
- Wie realistisch ist die Welt ohne Kriege?
- Ist das nicht die falsche Frage?
- Die falsche Frage?

- Eine Sache kann extrem unrealistisch sein und plötzlich realistisch werden. Zum Beispiel? Der grosse Menschheitstraum nach dem Fliegen schien über Jahrhunderte unrealistisch… Utopien sind wichtig! Menschen verändern sich. Aber Institutionen sind resistent. Was hat sich bei uns verändert? Was haben wir verändert? Was meinst du zur Abschaffung des Geldes? Ist das möglich? Alles ist möglich. Und wieso wächst die globale Ungleichheit immerzu? Gute Zeiten für Waffenhändler. Die Bevölkerung ist nicht beteiligt am erwirtschafteten Reichtum.

- Die transnationalen Konzerne wirtschaften mit Hilfe der jeweiligen Regierungen ihrer Länder. Was wird hier gespielt? Immer häufiger wird auf Grundnahrungsmittel spekuliert – selbst von Pensionskassen. Ist ein Ende weltweiter Armut absehbar? Jederzeit. Aber wie? Der Abstand zwischen arm und reich darf nicht so absurd sein. Und wie stellst du dir eine Umverteilung vor? Um das größte Elend aus der Welt zu schaffen, müssten die einkommensstarken Länder ihren Lebensstandard lediglich um ein Prozent einschränken.

- Kann ja nicht sein, dass der Hunger nach Renditen Menschen vor Hunger sterben lässt. Spekulation auf Nahrungsmittel, Rohstoffe. In den vergangenen drei Jahren sind die Nahrungsmittelpreise in die Höhe geschnellt. Der Preis für Weizen hat sich fast verdreifacht. 60 - 80 % ihres Einkommens müssen die Menschen in den Entwicklungsländern für Nahrungsmittel ausgeben. Bei uns in den Industriestaaten sind es 10 - 20%. 854 Mio. Menschen sind akut vom Hunger betroffen. Der weltweit grösste Weizenhändler hat seinen Reingewinn im ersten Quartal dieses Jahres auf über eine Milliarde fast verdoppelt.

(Pause)

- Meinst du, das ergibt einen Sinn? Kann man sich das anhören?
- Wir proben ja noch. Wir könnten einiges umstellen. Aber wir haben bereits Zuschauer!
- Nicht ablenken lassen! Das Stück wird fertig, wenn es fertig wird.
- Klingt logisch. Sollte die Probe nicht längst zu Ende sein?
- Zu Ende, die Probe? Aber wir stecken ja noch mittendrin.
- Morgen mach ich nicht mehr mit.
- Warum?
- Ich hab was anderes vor.
- Und wer spielt den Affen für dich?
- Das Stück verlangt ausdrücklich fünf Affen.
- Dann seid ihr halt zu viert.
- Zur Kunst gehört das Leiden.
- Den ganzen Tag in diesen Kostümen, das ist ja nicht zum aushalten. Damit sich das Publikum unterhalten kann?
- „Die Antarktis schmilzt!“
- Ich sitze hier rum, und muss es mir gefallen lassen, dass alle, die vorbeikommen, über mich lachen.
- Das ist doch nicht wahr; lacht hier jemand?
- Ich finde das Stück alles andere als lachhaft.
- Sehr relevant der Inhalt. Aber die Texte – !
- Bring doch mal deinen Text.

- Wenn die östliche Antarktis schmilzt, entspräche ihr Eisvolumen einem Anstieg der Meere um 64 Meter. Dies ist die sechste grosse Lebensvernichtungsphase der Erdgeschichte. Verantwortlich: HOMO SAPIENS. Wenn alle den Lebensstandard des Westens führten, bräuchten wir nochmals fünf Erden dazu. Im Westen nichts Neues? Machen wir so weiter geht uns das Wasser noch vor dem Öl aus.

- unzweifelhaft global
die Mitteltemperatur steigt
steigt und steigt
Ist gestiegen
Wird steigen
um 0.76 C seit Beginn der Aufzeichnungen

viele Wissenschaftler
sehr viele Wissenschaftler
über 500 Wissenschaftler: bestätigen
Erwärmung verursacht durch menschliches Handeln
Und die weitere Erwärmung: nicht mehr zu verhindern
Im ungünstigsten Fall: 6.4 C

warm! Mir ist warm!
es wird immer wärmer ­–
unzweifelhaft!
Kein Wunder in diesem Kostüm

Sind Ursache und Wirkung bekannt?
Ursache und Wirkung der Verbrennung fossiler Energien?

und nicht mehr zu verhindern
die Klimaerwärmung
und in der Folge: die weitere Erwärmung: nicht mehr zu verhindern
und der Meeresspiegel um 17 cm gestiegen
und zukünftig: der Meeresspiegel wird um 18–59 cm steigen

Haben wir also wenigstens genügend Wasser?
Die Trinkwasserreserven könnten knapp werden
für mind. 1 Mrd. Menschen

(Pause)

- Wie war das?
- Ich finde diesen Teil nicht besonders originell.
- Sobald wir mit allen Texten durch sind, holen wir die Künstler.
- Vielleicht haben sie einen unverstellten Blick aufs Ganze und können die eine oder andere Regieanweisung geben.
- Vielleicht jagen sie uns auch fort.
- Kaum.
- Sie haben uns ja gecastet.
- Und sie wollen, dass wir das Stück bearbeiten.
- Ich hätte mich auf so was nie einlassen sollen.
- Warum nicht?
- Ist doch spannend?
- Sie hätten Vorgaben machen sollen – sie sind schliesslich die Künstler.
- Wir sind alle Künstler.
- Wir sollten improvisieren!
- Improvisation kam in meiner Ausbildung zu kurz.
- Improvisation und Handwerk – das ist alles.
- Was kommt als Nächstes?

© 2009, text by Daniel Glaser and Magdalena Kunz